| .m |
Gestern
war der Stuhl frei. Gestern war sie froh, daß
in der Mittagspause alles sehr schnell geht.Beim Abendessen
sprechen die Eltern davon, daß sie einmal jung
waren. Vater sagt, er meine es nur gut. Mutter sagt
sogar, sie habe eigentlich Angst. Sie antwortet, die
Mittagspause ist ungefährlich.Sie hat mittlerweile
gelernt, sich nicht zu entscheiden. Sie ist ein Mädchen
wie andere Mädchen. Sie beantwortet eine Frage
mit einer Frage.Obwohl sie regelmäßig im
Straßencafé sitzt, ist die Mittagspause
anstrengender als Briefeschreiben. Sie wird von allen
Seiten beobachtet. Sie spürt sofort, daß
sie Hände hat.Der Rock ist nicht zu übersehen.
Hauptsache, sie ist pünktlich.Im Straßencafé
gibt es keine Betrunkenen. Sie spielt mit der Handtasche.
Sie kauft jetzt keine Zeitung.Es ist schön, daß
in jeder Mittagspause eine Katastrophe passieren könnte.
Sie könnte sich sehr verspäten. Sie könnte
sich sehr verlieben. Wenn keine Bedienung kommt, geht
sie hinein und bezahlt den Kaffee an der Theke.
An der Schreibmaschine hat sie viel Zeit, an Katastrophen
zu denken. Katastrophe ist ihr Lieblingswort. Ohne das
Lieblingswort wäre die Mittagspause langweilig.
Wolf
Wondratschek: Früher begann der Tag mit einer
Schusswunde |